Kanada: Der Weg ist das Ziel – unterwegs mit dem „Canadian“

Mit 6000 PS hoch in die Rocky Mountains, vorbei an Mount Robson, höchster Berg der kanadischen Rockies
Mit 6000 PS hoch in die Rocky Mountains, vorbei an Mount Robson, höchster Berg der kanadischen Rockies
Kanada per Zug entdecken: Mit dem transkanadischen Luxuszug The Canadian können Reisende quer durchs Land fahren – von Toronto bis Vancouver. fliegen-sparen.de auf exklusiver Zugreise durch Kanada.

Die Union Station in Toronto, die 1927 eröffnet wurde, ist ein Prachtbau. Die Kanadischen Eisenbahngesellschaften hatten ihn nach dem Prinzip: „big is beautyful“ (groß ist schön) geplant. Er sollte Eindruck machen, großen Eindruck! Entsprechend stülpten sie über die 16 Gleise dieser Prestige-Station einen riesigen Säulenbau. Er sieht von der Straße her aus wie ein griechischer Tempel. Nur eben viel größer. Doch für den Zug, der als „Train No. 1“ in den kanadischen Fahrplänen steht, ist er zu klein. Dieser Expresszug, der im englischen Teil Kanadas „The Canadian“ oder im frankophonen Kanada „Le Canadien“ heißt, ist mit seinen 21 Wagen zu lang für die Union Station.

Mit der Bemerkung: „Das ist ein 700-Meter-Zug“ schickt ein Eisenbahner eine Reihe von Fahrgästen, die auf der Suche nach „ihrem“ Wagen sind, in den sie laut Fahrausweis einsteigen sollen, zu den ersten Waggons gleich hinter den beiden Lokomotiven von „No. 1“. Und fügt noch vorsorglich hinzu, sie sollten sich nicht irritieren lassen, wenn der Bahnsteig plötzlich endet. Es geht dann nämlich noch weiter – über Schotter und ein paar Pfützen hinweg.

Das aber stört niemanden. Wer mit dem Canadian/Canadien fährt, hat die Reise schon lange geplant. Durch eine Holperstecke zum Schlafwagen lässt man sich da nicht die Vorfreude verderben, und falls doch: Im Zug werden die Schlafwagengäste erst einmal mit Sekt empfangen. Dabei muss es durchaus nicht bei einem Glas allein bleiben. Es wird so lange nachgeschenkt, bis die Flaschen leer sind. „Ist im Preis inbegriffen“, sagen die Zugbegleiter – sie wissen, dass etwas Weingeist Passagieren beim Einschlafen im schaukelnden Zug hilft.

The Canadian: Eine der längsten Bahnreisen der Welt

Die Transkanada-Zugreisen beginnen traditionell zu nachtschlafender Zeit. Der Zug von Toronto nach Vancouver – einmal quer durchs Land – verlässt die Union Station drei Mal pro Woche Punkt 22 Uhr. Die Gegenzüge von Vancouver aus fahren stets um 20.30 Uhr zurück in Richtung Osten ab. „Dies ist eine der längsten Bahnreisen, die man buchen kann“, sagt die Schlafwagenschaffnerin, die noch einmal die Sektgläser auffüllt.

„Nur auf der russischen Transsibirien-Strecke gibt es Züge, die noch länger unterwegs sind“. Für die meisten Mitreisenden ist diese Information nicht neu, sie haben ihre Schulaufgaben gemacht und wissen, der Canadian hat ab Toronto eine Fahrstrecke von exakt 4466 Kilometern vor sich. Sie haben sich auf drei Tage und 11 Stunden Zugfahrt – „mit vier Übernachtungen im Zug“ – eingerichtet und freuen sich auf das „Eisenbahnerlebnis Kanada“.

In den Wagen ist die Stimmung gut – mitgebrachter Sekt wird ausgepackt. Einige Jugendliche haben schon ihre Instrumente hervorgeholt: „Wir wollen Party machen“, sagen sie. „Das kannst du vorn in den Schlafwagen nicht. Hier aber in den Sitzwagen, da geht das gut“. Diese Fahrgäste – meist Studenten und ein, zwei Austauschschüler aus Deutschland, nutzen Billigangebote. „Das musst du einfach mal machen“. Dass sie die Nacht in Schlafsesseln verbringen müssen, stört sie nicht sonderlich, denn das Zugpersonal hat längst Decken und Kissen verteilt. Aber wer will jetzt schon schlafen, die Party geht ja erst richtig los.

Mit dem Canadian durch Ontario

Die meisten Schlafwagengäste sind beim Frühstück am nächsten Morgen – alle Mahlzeiten sind im Schlafwagenpreis inbegriffen – nicht ganz bei der Sache. Dabei bietet die Speisekarte eine große Auswahl: Eier in jeglicher Form, Schinken, gebratene Würstchen, Cornflakes, Pfannkuchen mit Ahorn-Sirup, Konfitüre, mehrere Sorten Brot und Croissants, Säfte, Tee, Kaffee und mehr. Niemand schaut auf den Teller, alle schauen aus dem Fenster heraus. Es geht durch die unendlichen Laubwälder der kanadischen Provinz Ontario. Beim Kaffeetrinken muss man aufpassen. Der Canadian fährt hier nicht lange geradeaus. Eine Kurve folgt auf die andere. Ein See auf den nächsten.

Alle zehn bis zwanzig Kilometer fährt der Zug an einer Bahnstation vorbei – meist ein Holzhäuschen, nicht viel größer als ein deutsches Wohnzimmer. Am auffälligsten sind die Stationsschilder mit den Namen der Orte. Sie heißen Mud River, Felix, Gogama oder McKee’s Camp, und zwei bis drei Häuser reichen, damit die kanadische Bahn einen Haltepunkt einrichtet. Es gibt auch Stationen fern von jedem Dorf. Dann findet sich im Fahrplan ein Hinweis, dass die Siedlung, nach der der Stopp benannt ist, einige Kilometer entfernt ist. „Wir halten auch dort, wo nur ganz wenige Menschen leben“, sagt der Schaffner, „Du musst dich aber zwei Tage vor der Abfahrt melden. Wir sind mitten im kanadischen Nirgendwo auch für den Nahverkehr zuständig, wenn es verlangt wird“. Bei kanadischen Expresszügen gelten eben andere Regeln als zuhause in Europa, Kanada ist schließlich 29 mal so groß wie Deutschland.

Highlight: Mit dem Zug durch die Rocky-Mountains

Der spektakulärste Abschnitt der Fahrstrecke des Canadian führt durch die Rocky Mountains. Wer sich nur für diese Gebirgsfahrt interessiert, bucht die Fahrt zum Beispiel ab Hinton (hier beginnt das Vorgebirge) durch den Jasper Nationalpark bis Blue River. Der Zug passiert dabei den Yellowhead Pass, fährt am Mount Robson – mit 3954 Metern Höhe höchster Gipfel der Rocky Mountains – vorbei bis nach Blue River, wo nur rund 270 Menschen leben, und es für Übernachtungsgäste das „Sandman Inn“ gibt. Die Fahrt dauert von 11.24 bis 18.27 Uhr mit längerem Aufenthalt in Jasper. Der Gegenzug fährt am folgenden Tag um 10.55 Uhr ab und läuft dann um 18.55 Uhr wieder in Hinton ein.

Ob der Zug fährt, oder ob er steht, merkt man schon lange nicht mehr. Es ist früher Morgen, und die Bahn wartet in Edmonton in Alberta eine Reihe von Gegenzügen ab. Wer jetzt, es ist noch keine sieben Uhr, in die Dusche geht, hat den Vorteil, dass der Zug nicht ruckelt. Während des Frühstücks ertönt das Abfahrtsignal, und der Canadian fährt durch das Weideland von Alberta. Spätestens jetzt versucht jeder einen der vorderen Plätze in den Dome-Cars zu ergattern. Aber auch im Bullet-Car ganz am Ende des Zuges sind schon alle Stühle belegt. Wenn die Dome-Cars die Wohnzimmer im Canadian sind, dann ist dies die gute Stube. Die beiden bulligen Lokomotiven müssen die Kraftreserven ihrer – zusammen – 6000 Pferdestärken aktivieren. Es geht spürbar bergan in die Rocky Mountains. Hoch über dem Zug sind die schneebedeckten Gipfel des Japser Nationalparks zu sehen – darunter einige 4000er.

Während des Abendessens fährt der Zug schon entlang des Fraser Rivers, das ist einer der wildesten Flüsse der Rocky Mountains. Davon aber sieht man leider nichts, draußen ist es stockdunkel. Am nächsten Morgen klopft die Schaffnerin früher als erwartet an die Abteiltür. Der Zug erreicht sein Ziel Vancouver nicht erst 9:42 Uhr, wie es im Fahrplan steht, sondern „wir fahren 40 Minuten vor der Zeit“. Die kanadische Bahn steckt voller Überraschungen. Um neun Uhr dann verabschiedet die Schaffnerin ihre Fahrgäste. Als sie die Armbanduhr des Silberhochzeiters sieht, stutzt sie. Die Uhr sei noch auf 12 Uhr Eastern Time von Toronto eingestellt. „Hier gilt die Pazifik- Time“, sie rät, die Uhr zurück zu stellen. Eine Reise quer durch Kanada ist eben auch eine Reise durch gleich mehrere Zeitzonen. (Text: Ursula Meister und Armin E. Möller 2.13 – Bild:VIA Rail Canada Inc, Armin E. Möller )

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