Test & Rat

Gewitterflug: Welche Rechte bei Verspätung?

Blitz

Ärgerlich: Wegen Gewitter Flugverspätung

Fragen & Rechtsfälle kommentiert von Rechtsanwalt Holger Hopperdietzel: Welche Rechte habe ich, wenn sich ein Zubringerflug aufgrund eines Gewitters verspätet?

Flugalltag: Wer nicht gerade am Drehkreuz des Flugverkehrs einen Flug antritt, muss die Maschine wechseln. Wenn sich dabei der Zubringerflug – gleiche Ticketnummer – verspätet und deshalb der Weiterflug nicht erreicht wird, dann hat der Fluggast nach der Fluggastrechteverordnung einen Anspruch auf einen Ausgleichsbetrag von bis zu 600 Euro, wenn er drei oder mehr Stunden später als vorgesehen, am Zielflughafen landet. Um diese Zahlung drücken sich die Flieger gerne und das manchmal mit erstaunlichen Begründungen.

Fall 1: Mit „auf dem Vorflug ist das eingesetzte Flugzeug in ein Gewitter geraten und wurde von einem Blitz getroffen“ verweigerte eine Airline die von ihrem Passagier geforderte Ausgleichszahlung. Ein Blitzeinschlag habe das Flugzeug beschädigt. Das sei höhere Gewalt und höhere Gewalt schließe Entschädigungszahlungen aus, wurde seitens der Airline argumentiert. Dass Wetterverhältnisse außergewöhnliche Umstände sein können, ist fraglos richtig. Wenn sich Flüge wetterbedingt verspäten oder ausfallen,kann kein Ausgleich nach der Fluggästeverordnung verlangt werden, das stimmt so auch. Doch das Amtsgericht Königs-Wusterhausen wollte sich nicht mit solch einfachen Hinweisen auf Blitz und Donner abspeisen lassen. Die dortigen Richter ließen sich (Urteil vom 17.
Februar 2016, AZ 4 C 1942/15) Flugunterlagen zeigen und stellten fest, dass der Gewitterflug der Maschine („Vorflug“) mehr als 24 Stunden zurück lag. Deshalb, so urteilten sie, sei ein solch lange zurückliegender Blitzschlag – wie hier – mitnichten ein außergewöhnliches Ereignis. Die Airline hätte etwa ein Ersatzflugzeug schicken können und auch das Umbuchen der Passagiere sei noch möglich gewesen. Die Airline musste zahlen.

Daraus folgt: Auch wenn mit dem Wetter argumentiert wird, lohnt es sich also, die Behauptungen der Fluggesellschaften gründlich zu hinterfragen und den genauen Zeitablauf der Ereignisse – was genau passierte und wann genau – zu ermitteln, falls sich die Flieger vor der Zahlung mit Wetterargumenten drücken wollen.

Fall 2: Am gleichen Tag wie in Königs-Wusterhausen, beschäftigte ein Gewitterfall ein anderes Amtsgericht. Die Richter in Köln (AZ 114 C 208/5) akzeptierten die Argumente einer Fluggesellschaft nicht, die mit Hinweis auf eine Gewitterfront die Zahlung vom Ausgleichsbetrag verweigern wollte. Gewitter kommen immer wieder vor, damit müssen Flieger rechnen, so etwas ist kein außergewöhnlicher Umstand, auf den sich Fluggesellschaften berufen können. Das Kölner Gericht verurteilte die Airline zur Zahlung.

Die Fälle unterscheiden sich also, indem das Gericht in Königs-Wusterhausen entschied, dass schlechtes Wetter ein außergewöhnlicher Umstand sein kann. Das gelte aber nur, wenn zwischen dem Wetterereignis und dem Flug nicht – wie im zu beurteilenden Fall – zu viel Zeit vergangen ist. Die Kölner Richter dagegen
meinten, schlechtes Wetter gibt es immer wieder, es gehöre zum allgemeinen fliegerischen Alltag und ein Gewitter reicht nicht aus, um sich auf außergewöhnliche Umstände berufen zu können. Welche Sichtweise sich in deutschen Gerichten durchsetzen wird, gehört zu den spannenden Fragen im gesprochenen Reiserecht.

Ich neige dazu, die Kölner Entscheidung nicht zu überbewerten. Zumindest hat man ein Urteil, auf das man sich als Fluggast erst einmal berufen kann, wenn eine Fluggesellschaft meint, ein Gewitter hätte das pünktliche Fliegen verhindert.

Text: Armin E. Möller Bild: Pixabay

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